Wir sind nicht krank weil wir Transsexuelle sind

Ich bin Anna, 31, bis zu meinem 26. Lebensjahr Benjamin. Ich bin transsexuell. Dies ist meine Geschichte.

Wer sich über Transsexualität unterhalten möchte muss sich erst einmal über die Begrifflichkeiten im Klaren sein. Leicht ist es nicht für Leute, die im falschen Körper geboren sind, da wir schnell anecken. Viele Menschen verurteilen uns vorschnell – oft werden wir diskriminiert, bloß weil wir anders sind!

Ein Transgender ist jemand, der sich gerne als Frau kleiden mag, aber ein Mann bleiben möchte. Ein Transmann ist einer, der von einer Frau zum Mann werden will. Eine Transfrau ist ein Mann der zu einer Frau werden will. Ein Transsexueller ist ein Mensch, der gerne im Körper eines anderen wäre und der Wunsch so groß ist, dass er sich nicht nur anzieht wie jemand des biologisch anderen Geschlechts, sondern sich auch sexuell so fühlen will. Transsexuelle unterscheiden sich insofern von Transvestiten oder Zwittern. Ihr Wunsch nach geschlechtlicher Umwandlung geht nicht notwendigerweise mit einer homo- oder bisexuellen Orientierung einher. Nach erfolgter Geschlechtsangleichung sind wir nichts weiter als Mann oder Frau wie jeder andere auch. Auch unsere sexuelle Orientierung ist genauso individuell wie bei Nicht-Transfrauen und –männern!

Wissen muss man, erstens, dass viele Transsexuelle diese Bezeichnung ablehnen – und das aus durchaus nachvollziehbaren Gründen! Der Wortbestandteil “Sexualität” legt schließlich nahe es handle sich um eine sexuelle Präferenz und nicht um eine Frage der Identität. Der Begriff ist also irreführend und greift nicht weit genug. Ich, ehemals Benjamin, heute Anna, bezeichne mich selbst als transsexuell, daher ist es für mich in diesem Beitrag auch in ORDNUNG mich so zu beschreiben. Und zweitens, dass es den einen transgender oder transsexuellen Prototypen nicht gibt! Transmenschen lassen sich ebenso wenig über einen Kamm scheren wie Nicht-Transsexuelle.

Wie es anfing

Ich wusste als Kind schon, dass ich anders bin als die anderen im Kindergarten und in der Vorschule. Hab nur mit Mädchensachen gespielt und mir auch solche gewünscht, so dass meine Familie zwar versucht hat mir Spielzeug für Jungen zu schenken… aber irgendwie haben mich immer Mädchen- Spielsachen mehr interessiert. Und meine Eltern fingen an sich Gedanken zu machen woran es liegen könnte. Meine Mama dachte immer ich wäre einfach nur schwul oder bisexuell.

Hab im Kindergarten genauso wie in der Schule immer nur mit Mädchen zusammen gehangen und bei ihnen in der Klasse gesessen. Meine Mitschüler waren früher als ich noch klein war, cool; ich war nicht so begehrt bei den Mädels, aber sie wussten ja nicht was in mir vorging…

Im Laufe meines Lebens habe ich immer mehr mit dem Gedanken gespielt eine Frau zu sein. Ich wollte die männlichen Merkmale meines Körpers als Jugendlicher nicht länger ertragen und war sogar einmal drauf und dran mir den Penis abzuschneiden. Zum Glück fand ich über Internetrecherche raus was mit mir los war, so dass ich mir endlich Hilfe suchen konnte.

Ich stieß darauf, dass es andere Transsexuelle gibt, habe mir Berichte von Betroffenen durchgelesen in die ich mich rein versetzen konnte und merkte, dass ich genauso bin!

Wie hat meine Familie auf mein Outing reagiert

Meine Mama hat es bei meiner Psychologin erfahren, als ich sie zu meinem Ersttermin kurzerhand mitgenommen habe. Ich hatte nämlich keine Ahnung wie ich ihr das erklären sollte. Die Psychologin half zu vermitteln. Sie war sprachlos und wusste nichts damit anzufangen bis meine Psychologin ihr das alles in Ruhe erklärt hat. Meine Mutter war nämlich seit vielen Jahren davon ausgegangen, dass ich schwul sei. Hat eine lange Zeit gedauert bis meine Eltern es verstanden haben. Nur der Lebensgefährte meiner Mutter hat es gar nicht verstanden, weil die Sexualität aus seiner Sicht viel mit der Kirche zu tun hat und er sagte „So was gibt es nicht! So was hat Gott nicht gewollt.“ Dieser damalige Lebensgefährte hat meine Mutter vor die Wahl gestellt: „Das komische Kind oder ich!“ Es folgten eine Zeit der Einsamkeit, denn auch Freunde wandten sich nach dem Outing von mir ab. So bin ich selbst bei den Krankenhausaufenthalten alleine gewesen. Es hat auch sehr lange gedauert bis meine Mama mit mir mal wieder in die Stadt gegangen ist ohne sich zu schämen, wenn jemand vorbei kam, den sie kannte. Ihr Umzug in eine andere Region hat unserem Verhältnis gut getan. Inzwischen haben wir ein gutes Verhältnis was auch lange gedauert hat und sie ist stolz auf mich und wie ich diesen Weg gemeistert habe.

Was auf einen zukommt wenn man diesen Weg gehen möchte

1)… suchte ich eine Psychologin/en

war bei Frau Dr. Sigrid Schleussner, in der ersten Zeit 2x die Woche für 15/20min – kam drauf an wie viel passiert war oder ich reden wollte… Dann wurde es 1x die Woche bis ich am Ende nach sieben Monaten nur noch 2x im Monat einen Termin da hatte.

Am Anfang kam ich mit Jungssachen in die Praxis, die in meinen Augen nicht wirklich welche waren. Meine Wahrnehmung was männlich und weiblich ist, scheint anders zu sein als bei den meisten. Dann war meine Aufgabe als “ FRAU“ dahin zu kommen. Kaufte mir also eine Perücke, da meine Haare damals noch nicht so lang waren. Ich wollte aber nicht mit Perücke, hohen Schuhen und im Rock rausgehen, so dass ich mich immer erst im Kellertreppenhaus bei meiner Psychologin fertig gemacht habe, wo mich keiner doof anmachen konnte wie auf der Straße. Und ging dann erst hoch in den zweiten Stock in die Praxis. Ich ging als Junge rein und raus bei ihr.

2)…Hormontherapie

war bei Dr. Seppel in Mönchengladbach

Wo ich drei Jahre Estradiol (Hormone) bekommen habe um den weiblichen Östrogenspiegel zu erhöhen. Androcur dagegen um die männlichen Geschlechtshormone (Androgene) zu senken.

3)… Namensänderung

Wer transsexuell ist wohnt in einem Körper, der meist als nicht zur Person passend empfunden wird. Aber das ist noch nicht alles: Er oder sie trägt auch einen Vornamen, der nicht passt und der oft samt Geschlecht auf Zeugnissen, Ausweisen, Pässen, in Lebensläufen, allen wichtigen Dokumenten steht und so bei den Ämtern hinterlegt ist. Das muss auch alles geändert werden und das dauert… Da man ein Gutachten braucht um die Namensänderung durchzukriegen, konnte ich froh sein, dass meine Psychologin auch Gutachterin war 🙂 So war die Angst nicht so groß vor fremden Leuten über mein Leben zu reden.

Geschlechtsangleichung

Erst sechs lange & harte Jahre nach meiner Entscheidung war es endlich soweit, da ich auf die Kostenübernahme der Krankenkasse warten musste sowie einen Termin für die OP.

Geschlechtsangleichende Operationen sind chirurgische geschlechtsangleichende Maßnahmen bei denen primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale in Aussehen und Funktion dem Geschlechtsempfinden angeglichen werden. Diese Eingriffe werden an intersexuellen und an transsexuellen Menschen durchgeführt.

„Nur damit ihr wisst worauf ihr euch einlässt“

War drei Wochen im Krankenhaus, weil sich mein Geschlecht bei sommerlichen Temperaturen entzündet hatte. Das kann sich übrigens auch einfach so entzünden, ganz zu schweigen von z.B. der Gefahr einen künstlichen Darmausgang zu bekommen, wenn etwas während der OP schief läuft.

Nachdem der Brustaufbau endlich genehmigt wurde von der Krankenkasse, da meine Östrogen“ Werte“ noch nicht so waren wie sie sein sollten was tatsächlich für Krankenkassenübernahme eine Voraussetzung darstellt! Gibt natürlich auch Leute, bei denen die weiblichen Östrogene besser anschlagen und die Brust von Natur aus wächst.

Wie bin ich zur Assistenz GbR gekommen?

Hatte meine damalige beste Freundin kennengelernt, die eine gesetzliche Betreuerin hatte und mir von der Zusammenarbeit mit ihren zwei Bezugspersonen regelmäßig erzählte. Wollte sowas eigentlich gar nicht, weil ich die ganze Prozedur alleine gemeistert hatte von Anfang bis zum Ende.

Nur sie sagte zu mir es heißt ja nicht wenn ich sowas annehme dass ich nichts mehr wert bin, sondern die mir helfen könnten in Dingen wo ich noch nicht soweit war. Denn ehrlich gesagt war ich, nachdem ich diesen schwerwiegenden Eingriff hinter mir hatte, erst recht depressiv, obwohl ich zu dieser Zeit im HPZ arbeitete, also in einem geschützten Umfeld wo die Leute mir versucht haben zu helfen (mit meinem Höhen und Tiefen klarzukommen ;).

Als ich zur Assistenz GbR kam war ich schon drei Jahre fertig mit meiner Geschlechtsangleichung. Nur der Brustaufbau war noch nicht abgeschlossen und wieder einmal spielten die Östrogenwerte verrückt. So lernte ich Frau Bernard und Herrn Bohlmann kennen, die mir sehr geholfen haben und ich bin froh sie zu haben, denn ohne die wäre ich heute glaube ich noch nicht so weit wie jetzt. Fast drei Jahre nach Beginn der Unterstützung hatte ich endlich einen Termin für die Kostenübernahme für den Brustaufbau bekommen. Die Beharrlichkeit der Assistenz GbR bei solchen Amtssachen wo man Angst vor hat, hat mir sehr geholfen. Sie halfen mir bei Arztterminen wo ich nur die Hälfte verstanden hab und unternahmen Ausflüge mit mir, so dass ich mehr Selbstbewusstsein bekam. Sie motivierten mich immer wieder aufs Neue rauszugehen, damit ich die Angst davor verlieren konnte. Ich bin heute offener, gehe mehr raus, kann mich mit Leuten verständigen und meine Depressionen sind weg.

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